Die Energieversorgung in Deutschland steht seit Jahren im gesellschaftlichen und politischen Fokus, da die Abhängigkeit von Energieimporten und die klimatischen Folgen fossilen Energieverbrauchs für Verbraucher spürbar sind. Die Energiewende ist somit im vollen Gang: Ziel der Bundesregierung ist Klimaneutralität bis 2045, Baden-Württemberg strebt dies bis 2040 an. Fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas sollen durch Erneuerbare Energien ersetzt werden.
Stadtwerke investieren rund 100 Mio. Euro in die Fernwärme
Für die Klimaschutzziele ist der Ausbau von Wärmenetzen entscheidend, besonders im innerstädtischen Geschosswohnungsbau oft die einzige klimaverträgliche Lösung. In unserem großen innerstädtischen Fernwärmenetz stammen derzeit rund 32 % der Wärme aus fossilen Quellen, in Maichingen über 50 %, in Darmsheim 100 %. Um bis 2040 klimaneutral zu werden, müssen diese fossilen Energieträger schrittweise ersetzt werden – eine große Herausforderung für uns und unsere Kunden.
Der Gesetzgeber verpflichtet Wärmenetzbetreiber, bis Ende 2026 Pläne zur Umstellung auf erneuerbare Energien vorzulegen (Wärmeplanungsgesetz). Förderanträge für Transformationsplanungen in Maichingen, Darmsheim und Holzgerlingen wurden bereits eingereicht; für das Sindelfinger Netz liegt der Plan bereits vor. Dabei wurden Potenziale ermittelt und Maßnahmen zur CO2-neutralen Versorgung festgelegt.
Absenkung der Netztemperaturen
Eine Absenkung der Vorlauf- und Rücklauftemperatur ist, aus wirtschaftlicher und technischer Sicht, von höchster Priorität. Ein Grund dafür ist, dass die meisten regenerativen Energiequellen unter dem Temperaturniveau von fossilen Heizkraftwerken liegen. Die Temperaturabsenkung erfolgt ab dem Jahr 2030 schrittweise von bisher 120°C im Vorlauf (VL) und 60°C im Rücklauf (RL) auf 85°C im VL und 45°C im RL.
Bau der „Energiedrehscheibe Nord“
Mit der „Energiedrehscheibe Nord“ werden wir in einem ersten großen Schritt die Dekarbonisierung einleiten. Hier werden verschiedene Technologien der Wärmeerzeugung zum Einsatz kommen:
1. Biogas:
Aus der Vergärungsanlage in Leonberg stehen den Stadtwerken bald rd. 36 Mio. kWh Biomethan pro Jahr zur weiteren Verwendung und Verfügung. Bei der Verwertung dieses Biogases in KWK-Anlagen entspräche dies einer jährlichen Wärmemenge von rund 14.000 MWh. Die hierfür erforderliche rd. 3,5 km lange Gasleitung von Leonberg nach Sindelfingen wurde 2025 bereits fertiggestellt. Aktuell erfolgt der Bau der Biogasaufbereitungsanlage.
2. Biomasse:
Die Planungen für ein Holzheizwerk mit insgesamt rd. 14.000 kW haben bereits begonnen. Bei den Potenzialen der Biomasse handelt es sich vorrangig um feste Biomasse wie Reisig, Stammholz oder Starkholz. Ab etwa 2029 könnten damit jährlich etwa 40.000 MWh Wärme aus Biomasse in das Stadtnetz eingespeist werden.
3. Power to Heat
Der geplante Windpark mit fünf Windkraftanlagen zwischen der ehemaligen Kreismülldeponie und der A8 / A81 liefert nach Fertigstellung eine jährliche Stromeinspeisung von bis zu 70 Mio. kWh. Somit gibt es ein großes Potenzial zur Direktnutzung von erneuerbarem Strom. Bei den Planungen geht man davon aus, dass Teilmengen ohne Nutzung des öffentlichen Stromnetzes direkt in entsprechenden Power-to-Heat-Anlagen oder zur Wasserstofferzeugung eingesetzt werden können. Dies erfolgt insbesondere in Spitzenlastzeiten oder bei einem Überangebot an erneuerbarem Strom.
Großwärmepumpe zur Abwärmenutzung
Die Kläranlage Böblingen-Sindelfingen bietet auf Grund Ihrer Größe die Möglichkeit, Abwärme durch den Einsatz von Großwärmepumpen für die Fernwärmeversorgung zu nutzen. Im Transformationsplan wird davon ausgegangen, dass ab etwa 2037 die Hälfte der Einspeiseleistung für das Wärmenetz in Sindelfingen zur Verfügung stehen kann. Die zweite Hälfte wird dem Netz Böblingen zugesprochen. Dagegen wurde das Abwärmepotential örtlicher Gewerbebetriebe auf Grund der jeweils komplexen Einbindung und Verfügbarkeit nicht berücksichtigt.
Klärschlammverwertung am RMHKW
Auf dem bestehenden Gelände des Restmüllheizkraftwerks Böblingen (RMHKW) wird eine Klärschlammverwertungsanlage entstehen. Ab 2027 sollen zusätzliche 15.000 – 20.000 MWh Wärme für die Fernwärmeversorgung zur Verfügung stehen.
Anschluss Maichingen an das Netz Innenstadt
Um die ökologisch erzeugte Wärme aus dem RMHKW und der „Energiedrehscheibe Nord“ auch in Maichingen nutzen zu können, wird das Netz Innenstadt mit dem Netz Maichingen verbunden. Auf Grund der unterschiedlichen Betriebsweise der Netze, ist der Bau eines Wärmetauschers erforderlich. Die Baumaßnahme wurde bereits begonnen, der Zusammenschluss ist für das Jahr 2027 geplant.
Bau einer zweiten Leitung zum RMHKW
Ab 2030 ist der Bau einer zweiten Leitungstrasse zum RMHKW vorgesehen. Diese dient dazu, zusätzliche Wärmemengen auf einem niedrigeren Temperaturniveau aus der Abfallverwertung ins Netz Sindelfingen und Maichingen zu liefern.
Wasserstoff
Der Einbezug von grünem Wasserstoff als Energieträger könnte sich auf Grundlage von KWK-Anlagen anbieten. Aktuell bestehen allerdings noch große Unsicherheiten hinsichtlich der Kosten sowie der Verfügbarkeit von Wasserstoff bis 2045. Aus dem Grund ist die Nutzung von Wasserstoff hauptsächlich zur Sicherung von Spitzenlasten interessant. Ein möglicher Standort wäre die Energiedrehscheibe Nord.
Über den Zeitraum 2025 bis 2040 gehen wir nach heutigem Stand von Investitionen für das Wärmenetz und Erzeugung in Höhe von rd. 104 Mio. € nach Abzug der Förderung aus. Die Transformation ist dabei grundsätzlich als ein dynamischer Prozess zu betrachten. Dieser wird regelmäßig neu bewertet und hinsichtlich neuer möglicher Technologien und neuen Erkenntnissen entsprechend angepasst.
Die Stadt Sindelfingen lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger zu den Energie- und Wärmewendewochen 2025 ein. In dieser Veranstaltungsreihe im Oktober dreht sich alles um das Thema klimafreundliches Heizen und Energieeffizienz. Nähere Infos erhalten Sie im Flyer:
Flyer zu den Veranstaltungen herunterladen.
In diesem Zuge findet am 15. Oktober bei den Stadtwerken in der Rosenstraße 47 ab 18:00 Uhr die Veranstaltung „Fernwärme – Ein Anschluss mit Zukunft“ statt (näheres im Flyer). Hierfür laden wir Sie herzlich ein. Anmeldung unter www.sindelfingen.de/eww .